Abstract: In dem vorliegenden Forschungsbericht werden Ergebnisse einer im Frühsommer 2022 durchgeführten Onlinebefragung einer für die Bevölkerung in Deutschland insgesamt repräsentativen Einwohnermeldeamtsstichprobe von n=3 270 Jugendlichen und Heranwachsenden vorgestellt. Im Mittelpunkt der Analysen stehen die Verbreitung antisemitischer Vorurteile bei jungen Menschen, deren soziale Verteilung sowie dafür relevante Einflussfaktoren. Die Ergebnisse zeigen, dass insgesamt 2.1% der Jugendlichen und Heranwachsenden offen für antisemitische Ressentiments sind. Weitere 2.0% lassen eindeutige, hoch ausgeprägte antisemitische Einstellungen erkennen. Damit sind die Prävalenzraten antisemitischer Einstellungen bei jungen Menschen etwa halb so hoch wie die mit gleichartigen Messinstrumenten im gleichen Jahr in einer repräsentativen Befragung von Erwachsenen festgestellten Raten. Es sind aber erhebliche Differenzen der Prävalenzraten antisemitischer Einstellungen zwischen Teilgruppen der jungen Menschen zu erkennen. Jugendliche und Heranwachsende mit einem Migrationshintergrund weisen signifikant erhöhte Raten antisemitischer Einstellungen auf. Besonders hoch sind diese Raten antisemitischer Vorurteile bei jungen Muslim:innen. Aber auch dort stellen antisemitische eingestellte Jugendliche und Heranwachsende nicht die Mehrheit.
Multivariate Analysen zeigen weiter, dass die hohe Verbreitung antisemitischer Ressentiments bei jungen Muslim:innen nicht durch deren vermehrte individuellen Diskriminierungserlebnisse oder die bei ihnen weit verbreitete Wahrnehmung einer kollektiven Marginalisierung ihrer Eigengruppe erklärt werden kann. Wichtige Einflussfaktoren sind hingegen, neben einer geringen Bildung, die Neigung zum Verschwörungsglauben sowie eine rigide, fundamentalistische Religionsauffassung. Besonders auffallend und für die Praxis relevant ist die erkennbare starke Überrepräsentation von Muslim:innen der ersten Migrantengeneration unter den jungen Menschen mit antisemitischen Einstellungen. Insoweit ist für die Antisemitismusprävention festzustellen, dass ein großer Anteil ihrer Zielgruppe aus jungen Migrant:innen der ersten Migrant:innengeneration besteht, darunter in hohem Maße vor allem junge Muslim:innen, für die geeignete Angebote geschaffen werden sollten.
Abstract: Der 7. Oktober 2023 ist insbesondere für Israel, aber auch für Jüdinnen und Juden in aller Welt eine Zäsur. Nichts ist mehr so, wie es davor war. Das Hamas-Massaker richtete sich nicht nur gegen Israel, nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern gegen die gesamte westliche Welt und ihre Idee von Freiheit – es ist Israels 9/11. Antisemitische Straftaten sind seit dem 7. Oktober 2023 weltweit explodiert, vor allem in Europa, in den USA. Und auch in Deutschland befinden sich die jüdischen Gemeinden in einem Ausnahmezustand – seit einem Jahr.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat zum Jahrestag des Hamas-Massakers nach der ersten Analyse vom Dezember 2023 erneut ein Lagebild über die Auswirkungen des Terrors und des Krieges in Israel auf die jüdischen Gemeinden in Deutschland erstellt. Die Grundlage für die Ergebnisse des Lagebilds lieferte eine Umfrage unter den Führungspersönlichkeiten der jüdischen Gemeinden in Deutschland, an der sich über 90 Prozent beteiligt haben. Die Gemeinden bieten in dieser psychischen Extremsituation für Jüdinnen und Juden einen Halt. Zwei Drittel der Führungspersönlichkeiten sprechen jedoch von negativen Auswirkungen des Krieges in Gaza auf ihre Gemeinden – ein konstant hoher Wert. Personell, emotional und organisatorisch sind die Gemeinden am Limit. Das Leben für Jüdinnen und Juden hat sich laut den Angaben stark verändert, jüdisches Leben ist weniger sichtbar und fast die Hälfte der Gemeinden waren im Jahr 2024 von antisemitischen Vorfällen betroffen.
Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster sagt zu den Ergebnissen des Lagebilds: „Die Lage der jüdischen Gemeinden ein Jahr nach dem 7. Oktober treibt mich um, sie sollte uns alle aufrütteln. Ja, die Gemeinden sind für die Mitglieder da, das Gemeinschaftsgefühl steigt, es finden wieder mehr Veranstaltungen statt, man passt sich an. Doch auf dieser Gewöhnung an einen Ausnahmezustand liegt ein Schatten. Niemals darf ein solcher Zustand Normalität werden. Für die Gemeinden kann dies nicht Normalität werden. Unsere Gesellschaft darf nicht zulassen, dass jüdisches Leben weniger sichtbar wird; Jüdinnen und Juden weniger sichtbar werden. Sicherheitszäune bieten Schutz, sind aber keine dauerhafte Lösung. Wir sollten uns daran erinnern, wo die Verteidigung unserer offenen Gesellschaft anfängt.“
Abstract: Im Jahr 2021 stellten eine Reihe von Wissenschaftler_innen die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ (JDA) vor, eine Antisemitismus-Definition, die den Anspruch hat, die Arbeitsdefinition der International Holocaust Rembrance Alliance (IHRA) zu ersetzen. Das Working Paper unterzieht die politische Rahmung, die Kerndefinition und die 15 Leitlinien der JDA einer genauen Untersuchung. Es wird gefragt, ob die JDA Antisemitismus in einer Form beschreibt, der es staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur_innen erlaubt, mit ihr Antisemitismus zu erkennen. Die genaue Lektüre zeigt, dass die JDA zentral geprägt ist von Leerstellen und Widersprüchen, die eine konfliktlose Anwendung nicht erlauben. Die Leerstellen und Widersprüche – u.a. ein unklarer Umgang mit Kontexten zur Einschätzung antisemitischer Aussagen o.ä., die Abgrenzung von Antisemitismus und Kritik an israelischer Politik oder
eine unklare Einordnung der Gleichsetzung Israels mit NS-Deutschland – stehen dabei zum Teil mit der politischen Rahmung der JDA in einem Verhältnis.
Abstract: The role of HM Government’s Independent Adviser on Antisemitism was established to provide independent advice to the Prime Minister and Government on issues relating to antisemitism in the UK and the most effective methods to combat it. As the first holder of the Office, I was appointed to the role of the Independent Adviser in 2019 for five years. Since then, I have maintained a constructive dialogue with the devolved nations as well as the UK Government.
This 2024 review collates recommendations from my major reports on antisemitism in the last two years, the first of which was a detailed action plan on tackling anti-Jewish hatred across the UK while the second addressed the alarming growth in antisemitism on our university campuses. The review also gives an overview of other important project areas that I have covered in my work plan.
While significant progress has been made, important recommendations still require adoption and implementation by the relevant department or devolved administration. I am therefore urging Ministers in the new UK Government, the devolved governments and senior officials to use this review as a blueprint or checklist for further action and the review is formatted in sections according to who holds the lead responsibility.
The need for action has been made even more urgent by the conflict in Israel and Gaza since 7th October 2023. The Community Security Trust (CST) recorded 4,103 antisemitic incidents in the UK in 2023, the highest total ever reported to CST in a single calendar year. Of the 4,103 instances of anti-Jewish hate reported, 2,699 (66%) occurred on or after 7th October. This figure alone exceeds any previous annual antisemitic incident total recorded by CST, which has been recording incidents since 1984.
Abstract: Der 7. Oktober 2023, der brutale Terrorangriff der Hamas auf Israel mit rund 1200 Ermordeten und hunderten Verschleppten und der anschließende Krieg in Gaza markieren auch hierzulande eine Zäsur. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober und des kurz darauf beginnenden
und zum Veröffentlichungszeitpunkt dieser Publikation noch laufenden Krieges in Gaza, erreichte die Bildungsstätte Anne Frank eine Flut an Anfragen. Insbesondere Lehrkräfte und andere an Schule beschäftigte Fachkräfte meldeten sich mit der Bitte nach Beratung und Fortbildung zum Umgang mit Terror, Krieg und den sich daran entzündenden Folgen hierzulande.
Unser Team reagierte schnell mit einer Vielzahl ad hoc durchgeführter digitaler Gesprächsangebote, mit Fortbildungen vor Ort, mit Veranstaltungen, Publikationen und Materialien. Den ersten Jahrestag des
7. Oktobers 2023 nahmen wir zum Anlass, die aktuellen Bedarfe an Schulen systematisch zu erfassen – eine Lücke, die wir mit einer Online-Umfrage unter Lehrkräften schließen. Ziel war es zu erfassen, ob und in welcher Weise der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg ein Jahr später noch Thema in den Schulen sind, wie die Lehrkräfte damit umgehen und welche Unterstützung sie sich dabei wünschen.
Zwischen dem 09.09.24 und 23.09.24 haben sich 159 Lehrkräfte aller Schulformen, vor allem aus Gymnasien, Berufs- und Gesamtschulen und mit 98 Prozent überwiegend aus Hessen, an der Umfrage beteiligt. Ihnen und ihren aussagekräftigen Antworten, die wir auf den folgenden Seiten präsentieren, gilt unser ausdrücklicher
Dank. Ihre Antworten zeigen, dass dem Thema große Wichtigkeit beigemessen wird und einzelne Lehrkräfte im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, den sogenannten Nahostkonflikt zu thematisieren – dass strukturelle Zwänge, insbesondere mangelnde zeitliche Kapazitäten, einen angemessenen Umgang mit der Thematik
aber erschweren.
Die Umfrage bestätigt uns in unserer Forderung nach einer Bildungsoffensive, die Schulen in all ihrer Heterogenität dazu befähigt und sie mit den entsprechenden zeitlichen und materiellen Ressourcen ausstattet, den Nahostkonflikt und andere komplexe globale Konflikte unserer Zeit, deren Geschichte und gesellschaftspolitische Dimensionen besser verstehen und einordnen zu können.
Ziel muss es sein, dass Lehrkräfte sprechfähig sind zu den Themen, die ihre Schüler*innen und uns als Gesellschaft bewegen – und entsprechend der vielfältigen Identitäten und Positionen im Raum Schule sind Perspektivwechsel dafür unumgänglich. Insbesondere müssen dabei auch der digitale Raum und dessen besondere Dynamiken1
mit adressiert werden – die Umfrageergebnisse zeigen überdeutlich, dass es an Strategien des Umgangs mit den Sozialen Medien mangelt, hier bedarf es einer konsequenten Verzahnung medienpädagogischer Angebote mit Inhalten der politischen Bildung.
Abstract: Pearn Kandola’s Antisemitism and Islamophobia at Work report (2024) is a comprehensive study in which over 1000 Muslim and Jewish employees participated, either through in-depth focus groups or our survey, to shine a light on their experiences of antisemitism and Islamophobia in the workplace since October 7th 2023.
Late last year, we published our groundbreaking Religion At Work (2023) report, the largest of its kind. It explored the experiences of people of faith in the workplace, highlighting the difficulty for employees of any religion to express their faith at work.
Released in November 2023, a question we were increasingly faced with as time went on was the impact on Muslim and Jewish employees, in particular, since October 7th. However, the data for this momentous report was gathered and analysed before the current Israel-Gaza conflict, which could tell us little to answer this question.
As a result, we carried out a new piece of research, designed to look at the:
Extent to which Jewish employees experience antisemitism in the workplace;
Extent to which Muslim employees experience Islamophobia in the workplace;
Impact of the Israel-Gaza conflict on them
Actions that organisations can take to ensure people feel safe and included in workplaces
The research was in two parts:
Firstly, a survey was carried out in June 2024 in which 500 Jewish and 500 Muslim employees participated, followed by in-depth interviews with 20 people, 10 of each faith.
The report closes with key recommendations for employers to better support Muslim and Jewish employees by research author Professor Binna Kandola OBE.
Abstract: The chapter uses an autoethnographic method to analyse the displacement experiences of its authors, who come from different ethnic backgrounds, mother tongues, geographies and histories in Turkey. The fact that the paths of the authors, as living representations of Turkey’s ethnic, linguistic and cultural diversity, crossed in exile in Germany is also the history of the silencing of ethnic, religious and political minorities. The authors uncover the interconnectedness of those individual stories that are inherent in the larger historical narrative of the country. Thus, they offer us an analysis of the experiences of exile in Germany, through three intertwined autoethnographies of Jewish, Kurdish and anarchist academic exiles.
Abstract: Статья посвящена активистам памяти о Холокосте в современной России. Материалом для статьи послужили 20 интервью с активистами памяти о Холокосте, записанные на бывших оккупированных территориях (Северный Кавказ, Калмыкия, Брянская и Псковская области) в 2020–2023 гг. Несмотря на возрастающий интерес memory studies к мемориальному активизму, сами активисты памяти – их мотивы, их социальные и биографические характеристики – до сих пор не становились объектом специального интереса исследователей. Российские активисты памяти о Холокосте не принадлежат к одной этнической группе и не объединены общими политическими взглядами. В статье показано, что многих активистов объединяет «отделенность» от локального сообщества: несмотря на разный социальный и этнический бэкграунд, они являются для местного сообщества «чужими» по тем или иным параметрам. Эта «отделенность» связана как с природой локального активизма в целом, так и со статусом Холокоста в советско-российской культуре памяти, где поддержание памяти о его жертвах не является обычным и самоочевидным занятием. Нередко стимулом к активизму становится столкновение с иной, «космополитичной» культурой памяти, где Холокост мыслится как одно из важнейших событий Второй мировой войны и существует моральный императив помнить о его жертвах. В статье также выделены и проанализированы мотивы активизма.
Abstract: Представленное в статье исследование посвящено репрезентации памяти о Холокосте в медиа Центрально-Восточной и Северной Европы во втором десятилетии XXI века (на примере Германии, Австрии, Польши, Литвы, Латвии, Эстонии, Швеции, Дании, Норвегии). В соответствии с гипотезой авторов, в каждом из этих государств существует особая память о Второй мировой войне, которая встраивается в национальные нарративы, но сочетается с глобальной памятью о Холокосте (механизм, ранее описанный Д. Леви и Н. Шнайдером). Сравнение образа Холокоста в различных публикациях СМИ позволило выяснить общие интерпретации и национальную специфику нарратива о трагедии, уточнить его значение для разных социальных групп. Целью исследования стало выявление особенностей сочетания глобальной и локальной памяти о Холокосте в Центрально-Восточной и Северной Европе в 2010-е гг. Источниками исследования являются отобранные по ключевым словам материалы СМИ 2011, 2018 и 2020 гг. Методологическую основу работы составляет концепция «мест памяти» П. Нора и развивающая ее концепция «общих мест памяти» в интерпретации Р. Трабы, через призму которой можно рассматривать память о Холокосте в различных национальных контекстах, а также дискурс-анализ (в соответствии с подходом Э. Лаклау и Ш. Муфф). В результате исследования было определено, что память о Холокосте играет большую роль для национальных нарративов. Она встраивается в цепочки эквивалентности с другими событиями локальной и всемирной истории, сопоставляется с геноцидами других народов. Через дискурс о Холокосте происходит формирование представлений о Второй мировой войне и праворадикальных движениях. При этом в публикациях проявляется и глобальная память о Холокосте, противодействие его релятивизации. Эта последняя тенденция связана прежде всего с деятельностью переживших Холокост граждан самих рассматриваемых в работе стран.
Abstract: Статья посвящена актуальным практикам памяти Холокоста в разных городах России. Исследование построено на полевых материалах, собранных в результате экспедиций, которые состоялись в 2020–2023 гг. в рамках проекта «Еврейские коммеморативные практики и современный культ Победы». Экспедиционная работа велась в разных городах на Западе и Юге России. Участники проекта посетили более 20 населенных пунктов, в которых записали несколько сотен интервью с членами еврейских общин, краеведами, работниками культуры и другими людьми, интересующимися памятью об оккупации и Холокосте. Внимание автора статьи привлекло то, что в разных городах по-разному рассказывали о посещении памятников жертвам Холокоста, особенно то, что в одних городах для жителей был важен день расстрела, а в других его даже не знали. Автор статьи задалась вопросом: в какие дни в разных населенных пунктах проходят акции памяти погибших евреев и от чего зависит выбор дня посещения памятника. Проанализировав собранный материал, она выделила три модели, к которым тяготеют практики поминовения жертв Холокоста: поминовение в день расстрела (или другой вариант: в традиционные поминальные еврейские дни); поминовение в контексте памяти о Великой Отечественной войне – в День Победы или день освобождения города; поминовение в контексте международной памяти о Холокосте – 27 января или на Йом ха-Шоа.
Abstract: Seit einigen Jahren dokumentiert die Antisemitismusforschung eine starke Zunahme von antisemitisch motivierten Äusserungen und Angriffen in diversen europäischen Ländern, sowie jüngst auch in der Schweiz. Dieser Umstand schlägt sich nieder in einer intensiven Diskussion über die Hintergründe und Ursachen dieser Zunahme, die unter dem Stichwort «Neuer Antisemitismus» zusammengefasst ist. Neben der Frage, inwiefern diese Zunahme auf Kontinuitäten judenfeindlicher Ressentiments christlich-religiöser, rassistisch-nationalistischer oder links-ideologischer Hintergrundfolien zurückzuführen ist, rückt auch die Frage nach judenfeindlichen Einstellungen in muslimisch sozialisierten Kontexten in den Vordergrund. Vor diesem Hintergrund verbindet das vorliegende Heft Expertisen aus der Antisemitismus-Forschung, der Geschichtsdidaktik, der interreligiösen Bildungsarbeit, der Islamwissenschaft wie auch der Islamisch-theologischen Studien, um der Herausforderung einer sachgerechten Darstellung in den je als notwendig erachteten Bezügen und Faktoren gerecht zu werden. Damit soll ein Beitrag geleistet werden für eine interkulturelle Antisemitismus-Aufklärung, die sich vor dem Hintergrund einer aktuellen gesellschaftlichen Aufgabe versteht und Verwertungsmöglichkeiten für die gesellschaftliche Bildungsarbeit aufzeigt. Akteur:innen aus der öffentlichen und religiösen Bildungsarbeit bietet das Heft eine interdisziplinäre Expertise, auf deren inhaltlichen Grundlagen eigene Formate und Angebote aufbauen können. Die interdisziplinäre Verzahnung bietet Fachwissenschafter:innen einen Einstieg in einen sich neu zusammensetzenden thematischen Blickwinkel in der Antisemitismusforschung. Die interessierte Öffentlichkeit gewinnt aus dem Heft eine kenntnisreiche Darstellung, die der Begleitung gesellschaftlicher Diskussionen dienlich sein kann.
Abstract: Im Oktober 2019 übte ein bekennender Rechtsextremist am höchsten jüdischen Feiertag – Jom Kippur – in Halle ein Attentat aus, bei dem er explizit betende Jüdinnen und Juden in der Synagoge ermorden wollte. Seit dem Terrorakt der Hamas am 7. Oktober 2023 im Süden Israels und dem darauffolgenden Krieg erleben wir weltweit eine neue und andere Welle des Antisemitismus. Während einige Menschen aus dem linken und dem muslimischen Spektrum Israel das Existenzrecht absprechen, stehen nun rechte und rechtsextreme Politiker:innen vermeintlich an der Seite Israels. Diese Gemengelage kanalisiert sich in antisemitischem Hass und Hetze, sowohl online als auch auf den Straßen. Sie richten sich zwar zunächst augenscheinlich gegen „die Juden“, sind aber vielmehr eine Bedrohung unserer gesamten Demokratie, die die Rechte von Minderheiten schützen und stärken und die das friedliche Zusammenleben aller gewährleisten soll. Die genannten Beispiele des Hasses, die in ihrer Brutalität aus dem in Deutschland nachweislich verbreiteten „Alltagsantisemitismus“ herausstechen, zeugen von der Transformations- und Anschlussfähigkeit des Phänomens Antisemitismus. Nach dem Attentat in Halle schrieb das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2020 die Förderlinie „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“ aus. In zehn bundesweit aufgestellten Forschungsverbünden wurden in den vergangenen vier Jahren sowohl grundlegende als auch praxisorientierte Untersuchungen zu unterschiedlichen Dimensionen, Akteur:innen und Adressat:innen bearbeitet. Mit dieser Ausgabe von Politikum werden Ergebnisse aus diesen, aber auch weiteren Forschungen vorgestellt. Dabei wird u. a. den Fragen nachgegangen, welche Vor- und Nachteile die derzeit heftig debattierten Antisemitismusdefinitionen bieten, wie israelbezogener Antisemitismus von legitimer Kritik an der Regierung Israels unterschieden werden kann, wie Deepfakes antisemitische Narrative bedienen und wie man sie dekonstruiert oder auch, ob Graphic Novels als Unterrichtsmaterial in der Antisemitismusprävention geeignet sind. Mit den Einordnungen, Bestandsaufnahmen und Empfehlungen laden wir ein, sich mit unterschiedlichen Aspekten des Phänomens zu befassen, und bieten Einblicke in aktuelle Forschungen und neueste Materialien.
Stefanie Schüler-Springorum
„Der ewige Antisemitismus“
Armin Pfahl-Traughber
Israelbezogener Antisemitismus oder legitime Kritik?
Kursierende Definitionen zur Differenzierung kritisch geprüft
Thomas Haury
Schwierige Gemengelagen
Zur Unterscheidung von israelbezogenem Antisemitismus und nicht-antisemitischen Antizionismen in Geschichte und Gegenwart
Sara Han
Die Verbindung zwischen christlichem Antisemitismus und der Neuen Rechten in Deutschland
Sina Arnold
„Importierter“ Antisemitismus?
Zur Funktionalität eines zweifelhaften Konzepts
Sarah Jadwiga Jahn
„From the river to the sea, Palastine will be free“
Herausforderungen und Perspektiven für den Rechtsstaat
Marcus Scheiber
Antisemitische Deepfakes
Dekonstruktion über Bildwissen
Ursula Hennigfeld
Antisemitismusprävention im Schulunterricht
Kriterien zum Einsatz von Graphic Novels
Projekt RESPOND!
Antisemitismus in den sozialen Medien junger Menschen
Ein Training zur Stärkung der Medien- und Handlungskompetenz
Matthias Springborn
Geldverleiher im Mittelalter?
Herausforderungen bei der Darstellung von Jüdinnen und Juden, vom Judentum und von Israel in Schulbüchern
Philipp Graf und Alexander Weidle
Das Objekt zum Subjekt machen
Jüdische Alltagskultur in Deutschland vermitteln
Abstract: While public antisemitism after 7 October prominently features references to Israel, forms of Holocaust denial and distortion remain very relevant and are deeply intertwined with other forms of antisemitism.
Acts and manifestations of Holocaust denial and distortion appear in various forms and are adopted by different milieus and groups to serve their own political or religious agenda, regardless of societal and country-specific context.
Our publication „Holocaust Distortion in Europe“ examines the alarming prevalence of Holocaust denial and distortion in Austria, the Czech Republic, Germany, Italy, and Poland; demonstrating how antisemitic narratives adapt to societal crises, are exploited for political gain, often evade legal accountability, erode historical truth—with harmful consequences for Jewish communities, Holocaust survivors, and their descendants—and highlights the urgent need for coordinated action.
Abstract: In this chapter, we investigate how four Italian and five German Holocaust memorials and museums, as well as three major internationally relevant Holocaust organizations, employed Facebook for Holocaust remembrance purposes during the period of pandemic lockdown. A comparison was made of the quantity and variety of activity on their Facebook pages during the months of April and May 2020, as compared with the same time span in 2019 and 2021. Although the study revealed major changes and adjustments in Holocaust institutions’ Facebook activities, both in terms of volume and type of content and regarding interaction strategies, the results show that the COVID-19 lockdown did not appear to trigger a radical change in Holocaust remembrance institutions’ use of social media. Despite the changes found in many Holocaust remembrance practices on Facebook and their growing use of digital media, the memorials and museums considered in this study appear to adopt a conservative stance in terms of the topics and themes addressed via social media and a general little change in the framework of commemoration policies. Also, despite a drive toward internationalization, as demonstrated by the Holocaust institutions’ increased use of English, there still appears to be a certain tension between local and global memories of the Holocaust.