Abstract: Seit dem 7. Oktober 2023 sind die Hochschulen zu einem zentralen Ort antisemitischer Mobilisierung geworden: Hochschulen sind geprägt von antisemitischen und judenfeindlichen Schmierereien, Veranstaltungen und physischen und psychischen Angriffen auf jüdische Student*innen. Noch dazu haben sich mittlerweile antisemitische Gruppen in Studierendenausschüssen erfolgreich etabliert. Damit gestalten sie Hochschulpolitik, die sich keineswegs positiv auf jüdische Studierende und antisemitismuskritische Strukturen auswirkt. Antisemitismusbeauftragte sind oft überfordert, während sich Betroffene immer weiter zurückziehen oder gar das Studium abbrechen.
Für das Zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus #15 – In feindlicher Umgebung: Zur Lage an deutschen Hochschulen nach dem 7. Oktober sprechen wir mit jüdischen Student*innen, zeigen anhand einer Chronik die Dichte und Schärfe antisemitischer Vorfälle auf und lassen antisemitismuskritische Hochschulinitiativen zu Wort kommen.
Unsere Kernbeobachtungen:
Seit dem 7. Oktober sind deutsche Hochschulen noch mehr ein unsicherer Ort für Jüdinnen*Juden geworden. Die Betroffenen berichten dabei von zahlreichen Vorfällen, die zu einem Dauerzustand aus Angst, Anspannung und Selbstzensur führen und einen Rückzug aus dem Studienalltag nahelegen.
Antisemitismus an Hochschulen zeigt sich offen und enthemmt. Es geht dabei nicht nur um israelkritische Sticker und Schmierereien, die sich im Ton vergreifen. Es geht um Einschüchterung und Schikane, um Drohungen und Gewalt.
Über die letzten drei Jahre wurde ein Klima geschaffen, in dem dieser grassierende Antisemitismus normalisiert wurde. Antiisraelische Akteur*innen nutzen den Campus als Ort der Mobilisierung und gestalten eine Hochschulpolitik, in der antisemitismuskritisches Engagement systematisch schikaniert und ausgegrenzt wird. Trotz medialem Aufsehen wird die Situation weiterhin von der Mehrheitsgesellschaft unterschätzt.
Betroffene begleitet das Gefühl, nicht ausreichend ernst genommen und geschützt zu werden. Ausbleibende Reaktionen und Entsolidarisierung, unklare oder fehlende Zuständigkeiten sowie symbolische Maßnahmen erzeugen Vertrauensverluste und verfestigen das Problem.
Hochschulen reagieren oft nicht adäquat auf antisemitische Eskalationen. Oft sind es die Betroffenen selbst, die auf antisemitische Vorfälle reagieren müssen, weil die Hochschulen überfordert oder unwillens sind. Jüdische Studierende ziehen sich aus universitären Räumen zurück, verbergen ihre Identität oder organisieren sich unter sich. Währenddessen bleiben institutionelle Konsequenzen gegenüber den Täter*innen häufig aus.
Abstract: Cet article analyse le sens stéréotypique et cinétique du terme « sioniste » dans les médias français contemporains. Partant du constat d’une instabilité sémantique accrue, notamment dans le contexte du conflit israélo-palestinien, l’étude interroge les usages médiatiques du mot et leur possible articulation avec des formes d’antisémitisme. S’appuyant sur la théorie de la Sémantique des Possibles Argumentatifs, l’auteure examine des collocations extraites du corpus frTenTen, telles que « entité sioniste », « lobby sioniste », « régime sioniste », ainsi que des constructions prédicatives du type « Les sionistes sont… ». L’analyse met en lumière l’activation, la désactivation et la transformation des associations stéréotypiques liées au noyau lexical de « sioniste ». Les résultats montrent que, si certains emplois demeurent neutres ou positifs, une part importante des occurrences étudiées véhicule des connotations négatives, conspirationnistes ou délégitimées. L’article souligne ainsi le caractère dynamique du sens lexical : les usages discursifs contribuent à remodeler le noyau sémantique du terme. En définitive, l’étude met en évidence la porosité possible entre la critique politique et le discours discriminatoire dans l’espace médiatique contemporain.
Abstract: Die antisemitische Protestmobilisierung hat sich seit dem 7.Oktober 2023 von einer akuten, ereignisbezogenen Gelegenheitsstruktur zu einem festen Bestandteil politischer Mobilisierung in Deutschland entwickelt. In den Jahren 2025 und 2026 bildeten sich dauerhafte Akteursnetzwerke und gefestigte Protestmilieus heraus; hier sind zwar rückläufige Teilnehmendenzahlen, aber auch Radikalisierungstendenzen und eine Verschärfung der antisemitischen Rhetorik zu beobachten.
Langjährig aktive, oft PFLP-nahe oder islamistisch geprägte Strukturen beeinflussen Tonlage, Inhalte und Aktionsformen der Proteste maßgeblich. In denselben Protestkontexten treten die antiimperialistische Linke und zunehmend Teile der Klima-, der feministischen und der antimilitaristischen Szene auf; israelbezogene Mobilisierungen haben sie in ihre politische Praxis integriert.
Die Anschlussfähigkeit antisemitischer und israelfeindlicher Narrative wird maßgeblich durch reichweitenstarke InfluencerInnen und Content-CreatorInnen, die auch ohne formale organisatorische Einbindung erhebliche Deutungsmacht entfalten, befördert. So entstehen flexible digitale Allianzen, in denen etablierte politische Trennlinien an Bedeutung verlieren.
Kennzeichnend ist eine Diskursverschiebung, mit der antisemitische Narrative und Deutungsrahmen an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnen. Dazu zählen die Umdeutung von Gewalt in legitimen Widerstand, die Delegitimierung Israels, das Feindbild Zionismus, die Abwehr historischer Verantwortung sowie Verschwörungsdenken.
Die beschriebenen Dynamiken gehen mit einem messbaren Anstieg antisemitischer Bedrohungen im öffentlichen und digitalen Raum einher: Jüdische Personen und Einrichtungen sind verstärkt Anfeindungen, Gewalt und erhöhten Schutzanforderungen ausgesetzt. Jüdische Perspektiven und Erfahrungen werden delegitimiert oder anhand ihrer Haltung zu Israel hierarchisiert – und gegebenenfalls aus öffentlichen Debatten ausgeschlossen.
Abstract: „Spreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche: einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der frühen; dann allgemeine Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung nicht zuläßt, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewußt werden.“ (Adorno: Erziehung nach Auschwitz, 1966)
In Bezug auf Adornos Aussage beschäftigt sich dieser kurze Beitrag mit der Frage, inwiefern die Grundschule als Lernort für antisemitismuskritische Bildung im bildungspolitischen und gesellschaftlichen Kontext berücksichtigt wird und wurde. Dazu werden (online verfügbare) Bildungsmaterialien und Ansätze dahingehend überprüft, ob die Grundschule mitgedacht wird. Darüber hinaus wird die Frage nach der allgemeinen Bedeutung und Wertschätzung von Primarpädagogik und deren Lehrpersonen aufgeworfen und eine auffällige Direktverbindung zwischen antisemitismuskritischer Bildung und Holocaust-Education beschrieben.
In diesem Text wird erörtert, ob und wie eine kritische Bildung gegen Antisemitismus oder sogar eine Prävention von Antisemitismus in der Grundschule außerhalb von Holocaust Education gelingen kann.
Abstract: Crisis situations foster the proliferation of various conspiracy beliefs, especially in the current high-choice media environment. Drawing on a national survey (n = 1,000), we show that in Romania, in the context of the current Hamas–Israel conflict, antisemitic attitudes, sourcing news from social media rather than from mainstream media and frequent church attendance correlate with stronger beliefs in conspiracy narratives. Antisemitism is the most powerful predictor, but only in the form of conviction that Israel controls the media, politics, money and power. Additionally, gender and age are also significant correlates, with younger women more prone to such beliefs.
Abstract: This explorative study examines contemporary forms of antisemitism and the perceptions of Jewish identity among young, highly educated Greeks. Using a structured questionnaire, the study investigated (1) how participants define Jewishness, (2) their endorsement of classical and aggressive antisemitic stereotypes, (3) perceptions of Israel and Israel-related antisemitism, and (4) the subjective perception of antisemitism in education and society. Results indicate that while overtly aggressive antisemitic attitudes are largely rejected, ancestry-based and ethno-religious definitions of Jewishness remain prevalent. Classical stereotypes, particularly regarding economic power, intellectual ability, and intra-group solidarity, persist selectively. Israel is recognized as a legitimate state, yet participants hold generally negative views of its democratic character. Antisemitism in Greek society and education is perceived as marginal, suggesting that subtle, normalized forms of prejudice may escape recognition. These findings highlight the need for targeted educational interventions that address both overt and subtle forms of antisemitism.
Abstract: Die vorliegende Studie stellt die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), vormals Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), geförderten Verbundprojekts Antisemitismusprävention im europäischen Schulunterricht (AIES) vor.1 Das an der Europa-Universität Flensburg und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angesiedelte Projekt (2021-2025) untersuchte die Thematisierung jüdischer Kultur und Geschichte im schulischen Kontext in vier europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Spanien, Rumänien). Dabei wurde die Überzeugung zugrunde gelegt, dass auch die Unterrichtspraxis einen wertvollen Beitrag zur Antisemitismusprävention leisten kann und muss – und letztere nicht auf „Kriseninterventionen“ nach Vorfällen auf den Schulhöfen oder im Klassenraum beschränkt sein darf. Ausgehend von den curricularen Bedingungen unterschiedlicher Schulfächer (Geschichte, Politik, Fremdsprachenunterricht bzw. muttersprachlicher Unterricht in den Fächern Deutsch, Spanisch und Französisch) mit Blick auf die Thematisierung nicht nur der Shoah, sondern auch anderer Aspekte jüdischer (Gegenwarts-)Kultur und Geschichte sowie ihrer Implementierung in Lehrwerke, Unterrichtsmaterialien und die konkrete Unterrichtspraxis, hat AIES eigene didaktische Materialien entwickelt, die hier ebenfalls präsentiert werden.2 Ein besonderes Augenmerk wurde bei ihrer Konzeption auf die Rolle und das Potenzial visueller Medien gelegt, um den bisher – gerade im Schulbuch – wenn überhaupt vorhandenen, dann textzentrierten Zugang zu jüdischer Geschichte und Kultur und zur Antisemitismusprävention zu erweitern
Abstract: This chapter examines the manifestations of antisemitism within three international online large groups convened by the Greek Institute of Relational and Group Psychotherapy following the October 7, 2023, attacks in Israel. Drawing on the social unconscious (Hopper, Fromm), relational psychoanalysis, and group-as-whole dynamics, the analysis traces how 80–120 mental health professionals enacted unconscious antisemitic patterns across three phases: initial idealization of the Greek cofacilitators as “neutral” containers, subsequent demonization marked by paranoid suspicion and conspiratorial attribution, and finally, fragmented empathy, where Jewish grief became conditional upon political disclaimers. The chapter introduces “conditional solidarity” as a contemporary antisemitic mechanism whereby Israeli professionals’ trauma is delegitimized unless accompanied by self-condemnation. Integrating the Talmudic Bar Kamtza narrative and the Greek Danaids myth, the analysis illuminates how institutional failures to process collective mourning perpetuate cycles of envy, aggression, and unmetabolized loss. The concept of “institutional illiteracy” describes professional communities’ inability to hold the complexity of Jewish identity, resulting in persecutory-paranoid dynamics rather than reflective containment. This psychodynamic approach reveals antisemitism’s persistence within ostensibly progressive therapeutic spaces.
Abstract: Der Angriff auf Israel durch die Terrororganisation Hamas am 7.10.2023 markiert für die jüdischen und israelischen Communities in Deutschland einen tiefen Einschnitt. Jüdinnen_Juden stehen vor der Aufgabe, die traumatischen Folgen des tödlichen Angriffs und der damit einhergehenden antisemitischen Bedrohung zu bewältigen. Die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geförderte Studie untersucht ab Februar 2024 das Erleben der Phase seit dem 07.10.2023 aus den Perspektiven von Jüdinnen_ Juden verschiedener Generationen und sozialer Hintergründe im urbanen und ländlichen Raum in Deutschland. Mit narrativen Interviews, Gruppendiskussionen und der Dokumentation von Selbstbeobachtungen werden die Wahrnehmungen, Einordnungen und Auswirkungen aus jüdischen Perspektiven erhoben. Dabei werden Veränderungen der Verarbeitungsprozesse im zeitlichen Verlauf und im Zusammenhang mit früheren und aktuellen Ereignissen rekonstruiert. Die Studie wurde am Forschungsbereich des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und dem Arbeitsbereich Antisemitismusforschung am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) der Universität Tübingen sowie in Kooperation mit OFEK e.V. durchgeführt.
Bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung handelt es sich um eine Form kollektiver Gewalt, die sich gegen Gruppen richtet. Der Begriff der kollektiven Gewalt beschreibt die Gewaltanwendung durch Personen, die sich als Mitglied einer Gruppe sehen und andere Gruppen aus ideologischen Motiven heraus angreifen, um damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ziele durchzusetzen (vgl. Wilkinson/Marmot 2003). Auf diese Weise trifft die kollektiv gerichtete Gewalt ganze Gemeinschaften und entfaltet ein traumatisches Potenzial (vgl. Auerbach 2022). Menschen, die unter Ausgrenzung und Verfolgung gelitten haben, erleben oft noch Jahrzehnte danach vielfältige Folgewirkungen (vgl. Moré 2015). Die Studie untersucht, wie sich der Terror und die antisemitische Gewalt hier in Deutschland auf das psychische und soziale Wohlbefinden von Betroffenen sowie auf sämtliche soziale Beziehungen nachhaltig auswirkt. In der hiesigen Antisemitismusforschung wurden bislang die Auswirkungen antisemitischer Diskriminierung und Gewalt auf den Alltag, das Wohlbefinden und die Gesundheit von Jüdinnen_Juden bislang kaum untersucht.
Das Erkenntnisinteresse der Studie betrifft folgende Forschungsfragen:
Wie wirken sich die Ereignisse auf das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden sowie den Alltag von Jüdinnen_Juden verschiedener Herkünfte und Altersgruppen in Deutschland aus?
Inwieweit machen Jüdinnen_Juden in Deutschland Diskriminierungserfahrungen im Zusammenhang mit den öffentlichen Reaktionen auf den Terror gegen Israel seit dem 7.10.2023 und den darauffolgenden Krieg in Israel und im Gazastreifen?
Welche Rolle spielen die transgenerativen Weitergaben der Shoah, frühere Erfahrungen mit Terror und Vertreibung und andere Kriege in der Wirkung und Verarbeitung der aktuellen Erfahrungen?
Abstract: Die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner teilt demokratische Grundüberzeugungen, allerdings wird die Zustimmung zur Demokratie insgesamt fragiler: Sie ist gegenüber früheren Erhebungen gesunken und sie mischt sich mit der Anerkennung antidemokratischer Systemalternativen. In der Studie wird deutlich, dass demokratische Stabilität nicht allein auf der Zustimmung zur Demokratie basiert, sondern auf der konsequenten Anerkennung von Gleichwertigkeit. Antisemitismus und Antiziganismus sind dabei zentrale Herausforderungen. Das hat der Berlin Monitor 2025 ergeben, der am 23.02.2026 erschienen ist.
Mit der Studienreihe „Berlin-Monitor“ werden seit 2019 Berlinerinnen und Berliner zu ihren politischen Einstellungen, Möglichkeiten der Partizipation und der demokratischen Kultur in Berlin befragt. Im „Berlin-Monitor 2025“ werden die Ergebnisse der vierten Befragung der Berliner Bevölkerung aus dem Jahr 2025 vorgestellt.
Schwerpunkte sind Antiziganismus und Antisemitismus als Brückenideologien in rechtsextreme Einstellungsmuster. Sie verbinden sich mit anderen abwertenden Einstellungen wie Antifeminismus und Sexismus. Wir analysieren, was die Verbreitung dieser menschenverachtenden Einstellungen für die politische Kultur in Berlin bedeutet: Auf der einen Seite steht ihnen eine aktive Stadtgesellschaft mit demokratischer Haltung entgegen, auf der anderen Seite werden sie durch eine zunehmende Fragilität in der in der Zustimmung zu demokratischen Überzeugungen befördert.
Zur Methode:
Im Rahmen der vierten repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Berlin-Monitors wurden zwischen dem 25. Juni und dem 1. August 2025 insgesamt 2.022 Berliner ab 18 Jahren befragt. Die Erhebung wurde, anders als die letzten beiden Wellen, vom Meinungsforschungsinstitut USUMA GmbH im Auftrag der Universität Leipzig durchgeführt. Ziel war es, ein repräsentatives Abbild der Berliner Wohnbevölkerung zu gewinnen und die im zweijährigen Rhythmus erhobenen Zeitreihen der vorangegangenen Studien (2019, 2021, 2023) fortzuführen. Die Erhebung erfolgte als Mixed-Mode-Befragung (TOM-Design), bestehend aus 1.405 telefonischen Interviews (CATI) und 617 Online-Interviews (CAWI). Die Datenerhebung umfasste Fragen zu demokratischen und antidemokratischen Einstellungen, Vorurteilen gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie soziodemografischen Merkmalen (u. a. Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen, Religiosität, Migrationshintergrund).