Abstract: Seit einigen Jahren dokumentiert die Antisemitismusforschung eine starke Zunahme von antisemitisch motivierten Äusserungen und Angriffen in diversen europäischen Ländern, sowie jüngst auch in der Schweiz. Dieser Umstand schlägt sich nieder in einer intensiven Diskussion über die Hintergründe und Ursachen dieser Zunahme, die unter dem Stichwort «Neuer Antisemitismus» zusammengefasst ist. Neben der Frage, inwiefern diese Zunahme auf Kontinuitäten judenfeindlicher Ressentiments christlich-religiöser, rassistisch-nationalistischer oder links-ideologischer Hintergrundfolien zurückzuführen ist, rückt auch die Frage nach judenfeindlichen Einstellungen in muslimisch sozialisierten Kontexten in den Vordergrund. Vor diesem Hintergrund verbindet das vorliegende Heft Expertisen aus der Antisemitismus-Forschung, der Geschichtsdidaktik, der interreligiösen Bildungsarbeit, der Islamwissenschaft wie auch der Islamisch-theologischen Studien, um der Herausforderung einer sachgerechten Darstellung in den je als notwendig erachteten Bezügen und Faktoren gerecht zu werden. Damit soll ein Beitrag geleistet werden für eine interkulturelle Antisemitismus-Aufklärung, die sich vor dem Hintergrund einer aktuellen gesellschaftlichen Aufgabe versteht und Verwertungsmöglichkeiten für die gesellschaftliche Bildungsarbeit aufzeigt. Akteur:innen aus der öffentlichen und religiösen Bildungsarbeit bietet das Heft eine interdisziplinäre Expertise, auf deren inhaltlichen Grundlagen eigene Formate und Angebote aufbauen können. Die interdisziplinäre Verzahnung bietet Fachwissenschafter:innen einen Einstieg in einen sich neu zusammensetzenden thematischen Blickwinkel in der Antisemitismusforschung. Die interessierte Öffentlichkeit gewinnt aus dem Heft eine kenntnisreiche Darstellung, die der Begleitung gesellschaftlicher Diskussionen dienlich sein kann.
Abstract: Im Oktober 2019 übte ein bekennender Rechtsextremist am höchsten jüdischen Feiertag – Jom Kippur – in Halle ein Attentat aus, bei dem er explizit betende Jüdinnen und Juden in der Synagoge ermorden wollte. Seit dem Terrorakt der Hamas am 7. Oktober 2023 im Süden Israels und dem darauffolgenden Krieg erleben wir weltweit eine neue und andere Welle des Antisemitismus. Während einige Menschen aus dem linken und dem muslimischen Spektrum Israel das Existenzrecht absprechen, stehen nun rechte und rechtsextreme Politiker:innen vermeintlich an der Seite Israels. Diese Gemengelage kanalisiert sich in antisemitischem Hass und Hetze, sowohl online als auch auf den Straßen. Sie richten sich zwar zunächst augenscheinlich gegen „die Juden“, sind aber vielmehr eine Bedrohung unserer gesamten Demokratie, die die Rechte von Minderheiten schützen und stärken und die das friedliche Zusammenleben aller gewährleisten soll. Die genannten Beispiele des Hasses, die in ihrer Brutalität aus dem in Deutschland nachweislich verbreiteten „Alltagsantisemitismus“ herausstechen, zeugen von der Transformations- und Anschlussfähigkeit des Phänomens Antisemitismus. Nach dem Attentat in Halle schrieb das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2020 die Förderlinie „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“ aus. In zehn bundesweit aufgestellten Forschungsverbünden wurden in den vergangenen vier Jahren sowohl grundlegende als auch praxisorientierte Untersuchungen zu unterschiedlichen Dimensionen, Akteur:innen und Adressat:innen bearbeitet. Mit dieser Ausgabe von Politikum werden Ergebnisse aus diesen, aber auch weiteren Forschungen vorgestellt. Dabei wird u. a. den Fragen nachgegangen, welche Vor- und Nachteile die derzeit heftig debattierten Antisemitismusdefinitionen bieten, wie israelbezogener Antisemitismus von legitimer Kritik an der Regierung Israels unterschieden werden kann, wie Deepfakes antisemitische Narrative bedienen und wie man sie dekonstruiert oder auch, ob Graphic Novels als Unterrichtsmaterial in der Antisemitismusprävention geeignet sind. Mit den Einordnungen, Bestandsaufnahmen und Empfehlungen laden wir ein, sich mit unterschiedlichen Aspekten des Phänomens zu befassen, und bieten Einblicke in aktuelle Forschungen und neueste Materialien.
Stefanie Schüler-Springorum
„Der ewige Antisemitismus“
Armin Pfahl-Traughber
Israelbezogener Antisemitismus oder legitime Kritik?
Kursierende Definitionen zur Differenzierung kritisch geprüft
Thomas Haury
Schwierige Gemengelagen
Zur Unterscheidung von israelbezogenem Antisemitismus und nicht-antisemitischen Antizionismen in Geschichte und Gegenwart
Sara Han
Die Verbindung zwischen christlichem Antisemitismus und der Neuen Rechten in Deutschland
Sina Arnold
„Importierter“ Antisemitismus?
Zur Funktionalität eines zweifelhaften Konzepts
Sarah Jadwiga Jahn
„From the river to the sea, Palastine will be free“
Herausforderungen und Perspektiven für den Rechtsstaat
Marcus Scheiber
Antisemitische Deepfakes
Dekonstruktion über Bildwissen
Ursula Hennigfeld
Antisemitismusprävention im Schulunterricht
Kriterien zum Einsatz von Graphic Novels
Projekt RESPOND!
Antisemitismus in den sozialen Medien junger Menschen
Ein Training zur Stärkung der Medien- und Handlungskompetenz
Matthias Springborn
Geldverleiher im Mittelalter?
Herausforderungen bei der Darstellung von Jüdinnen und Juden, vom Judentum und von Israel in Schulbüchern
Philipp Graf und Alexander Weidle
Das Objekt zum Subjekt machen
Jüdische Alltagskultur in Deutschland vermitteln
Abstract: Schuldfragen sind vielseitig mit jüdischem Leben in Deutschland verwoben. Sie behalten ihre Aktualität im gegenwärtigen Antisemitismusdiskurs. Schuldgefühle unter Juden, etwa die Überlebensschuld derer, die der Shoah entrinnen konnten, während ihre Verwandten ermordet wurden, treffen auf eine nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland einsetzende Schulddebatte, die zum einen nach einem angemessenen Umgang mit der Schuld gegenüber Juden fragte, zum anderen aber auch die Rede vom „Schuldkomplex“ der Deutschen hervorbrachte. Diese dient der Schuldabwehr und beschuldigt „die Juden“ bzw. „die Israelis“ erneut.
Der Vernichtungswille gegenüber Juden und jüdischem Leben hat Dimensionen der Schuld hervorgebracht, die nicht abgetragen, wohl aber zur Verantwortungsübernahme für gegenwärtige und künftige Vorkommnisse herangezogen werden können. Doch was bedeutet es für den sozialen Zusammenhalt der Generationen und Religionen, wenn das Bewusstsein kollektiver Schuldverstrickung verblasst?
Diese und andere Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Buches, das auch in den Blick nimmt, inwiefern ein reflektierter Umgang mit Schuld in einer Gesellschaft zu ethischen Transformationsprozessen führen kann.
Abstract: Exhibition from September 18, 2024 to March 16, 2025 at the Jewish Museum Vienna and from April 9, 2025 to March 1, 2026 at the Jewish Museum Munich
Eighty years after the Holocaust, the last eyewitnesses are dying. Their stories, but also their trauma, have been passed on to their children and grandchildren. While the Second Generation grew up as direct observers of their parents’ psychological and physical damage, the Third Generation can look with greater distance at the family histories, in which memories and silence, family myths and secrets, and overwhelming or missing family legacies are ever-present.
The catalogue of the exhibition “The Third Generation: The Holocaust in Family Memory” investigates various ways of dealing with the inherited trauma and the difficult confrontation with the burden of family history. The contributions discuss biographical and artistic coping strategies by the generations after the Shoah and highlight the common features shared by a heterogeneous group scattered throughout the world.
Abstract: In October 2021, Imperial War Museums (IWM) opened its new Holocaust Galleries in its London branch, replacing its first Holocaust Exhibition (from 2000) that had become a landmark in British Holocaust memory. Because of its comprehensive nature and intricate scenography, the new Holocaust Galleries are at the centre of almost all recent major narrative, political, and ethical debates about Holocaust representation in museums. The book provides an ideal global case-study understanding the possibilities and limitations of re-presenting trauma and violence in museums today and whether Holocaust exhibitions can promote democratic, civic, or human rights values, making it an important resource for museum practitioners, public history educators, and university researchers alike, interested in Historical, Museum, Memory, Holocaust, Genocide, or Cultural Studies. The volume brings together texts written by museum practitioners and academic scholars. It is divided in three parts: a long essay by James Bulgin, Head of Content for the new Holocaust Galleries, about the genesis and implementation of the exhibition, supplemented with briefer essays by educators and community members involved in the development of the exhibition, an extensive interview by Stephan Jaeger with IWM researchers James Bulgin and Suzanne Bardgett, and an extensive part with six critical essays by university scholars analysing the new Holocaust Galleries from numerous theoretical angles.
Abstract: Since unification, Germany has experienced profound changes, including the reawakening of xenophobic hate crime, anti-Semitic incidents, and racist violence. This book presents the most recent research conducted by a team of American and German experts in political science, sociology, mass communication, and history. They analyze the degree of antisemitism, xenophobia, remembrance, and Holocaust knowledge in German public opinion; the groups and organizations that propagate prejudice and hate; and the German, American, and Jewish perceptions of, and reactions to, these phenomena.
Abstract: Eine Vielzahl von Institutionen und Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sammelt, erforscht und vermittelt jüdische Geschichte und Kultur. Dazu gehören Museen, Bibliotheken und Archive, Gedenkstätten, Vereine, Kommissionen, Universitätsinstitute und private Initiativen; es gibt Projekte zur Erforschung jüdischer Friedhöfe ebenso wie genealogische Gesellschaften. Sie sind lokal, regional sowie überregional tätig und werden durch staatliche Förderung oder privates Engagement getragen.
Das Buch bietet erstmals eine aktuelle Bestandsaufnahme dieser Institutionen und Initiativen, die mitunter auf eine lange Tradition zurückblicken können, insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten aber an Zahl zugenommen und Bedeutung gewonnen haben. In diesem übersichtlichen Nachschlagewerk beschreiben die einzelnen Institutionen ihre Entstehung, Entwicklung und Aufgaben. Genaue Angaben zu den Archiv- und Sammlungsbeständen ermöglichen Interessierten einen Zugang zu schriftlichen, bildlichen und materiellen Überlieferungen zur jüdischen Geschichte und Kultur im deutschsprachigen Raum.
Abstract: This volume considers the uses and misuses of the memory of assistance given to Jews during the Holocaust, deliberated in local, national, and transnational contexts. History of this aid has drawn the attention of scholars and the general public alike. Stories of heroic citizens who hid and rescued Jewish men, women, and children have been adapted into books, films, plays, public commemorations, and museum exhibitions. Yet, emphasis on the uplifting narratives often obscures the history of violence and complicity with Nazi policies of persecution and mass murder. Each of the ten essays in this interdisciplinary collection is dedicated to a different country: Belarus, Denmark, France, Germany, Greece, North Macedonia, the Netherlands, Poland, Slovakia, and Ukraine. The case studies provide new insights into what has emerged as one of the most prominent and visible trends in recent Holocaust memory and memory politics. While many of the essays focus on recent developments, they also shed light on the evolution of this phenomenon since 1945.
Abstract: Die Publikation entstand im Rahmen der Fachtagung „Aktuelle Erscheinungsformen und Herausforderungen des Antisemitismus“, die vom 29. – 30. September 2022 in Leipziger Neuen Rathaus stattfand.
Die Broschüre versammelt Beiträge, die von den Referent*innen zu den Inhalten ihrer Vorträge und Workshops verfasst wurden und diese kompakt wiedergeben. Neben einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen, werden in den Beiträgen verschiedene Formen des gegenwärtigen Judenhasses sowie rechtliche und präventive Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen Antisemitismus in den Blick genommen.
Mit Beiträgen von: Vicki Felthaus (Bürgermeisterin und Beigeordnete für Jugend, Schule und Demokratie der Stadt Leipzig), Rabbinerin Esther Jonas-Märtin, Henry Lewkowitz (Erich-Zeigner-Haus e.V.), Prof. Dr. Stephan Grigat (Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien [CARS]), Dr. Olaf Glöckner (Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien e.V.), Benjamin Männel, Dr. des. Ulrike Becker & Michael Spaney (Mideast Freedom Forum Berlin e.V.), Dr. Olaf Kistenmacher (Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V.), Marie Künne (Debunk. Amadeu Antonio Stiftung), Marina Chernivsky (OFEK e. V. | Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment), Susanne Feustel (Kulturbüro Sachsen e.V.) und Peter Lewkowitz.
Topics: Antisemitism: Definitions, Antisemitism: Christian, Antisemitism: Discourse, Antisemitism: Education against, Antisemitism: Far right, Antisemitism: Institutional, Antisemitism: Israel-Related, Antisemitism: Left-Wing, Antisemitism: Monitoring, Antisemitism: Muslim, Antisemitism: New Antisemitism, Antisemitism: Online, Philosemitism, Main Topic: Antisemitism
Abstract: Antisemitismus als leidenschaftliche Welt(um-)deutung findet nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 über den Kreis der „üblichen Verdächtigen“ im Rechtsextremismus hinaus Anklang. Der Band zeigt die Persistenz, Wandelbarkeit und globale Verbreitung judenfeindlicher Vorstellungen und Äußerungsformen auf und verfolgt sie von der Antike bis in die Telegram-Chats, Universitätshörsäle und Demonstrationen der Gegenwart.
Der interdisziplinär ausgerichtete Band versammelt antisemitismuskritische Studien junger Antisemitismusforscher*innen, die neue Schlaglichter auf die Akteur*innen, sich wandelnden Kommunikationsmodi und milieu- und kontextabhängigen Spezifika eines zunehmend global vernetzten antisemitischen Diskurses werfen. Über die offenen Erscheinungsformen judenfeindlicher Ressentiments hinaus verweist er auf die Virulenz latenter, halb- und unbewusst tradierter sowie bewusst codierter Vorstellungen über „die Juden“, „das Jüdische“ oder den jüdischen Staat Israel. Letzterer ist nicht erst seit, aber gegenwärtig wieder verstärkt infolge des Hamas-Pogroms vom 7. Oktober 2023 Gegenstand antisemitischer Agitationen, wobei gefühlte Wahrheiten über den Staat und den arabisch-israelischen Konflikt den öffentlichen Diskurs prägen. Die Analysen des Bandes stellen die Gemeinsamkeiten dieser Vorstellungen und Äußerungen heraus, in denen „die Juden“ oder Israel als Projektionsflächen für die Ängste und Wünsche der antisemitisch denkenden Subjekte dienen, und verweisen auf die Notwendigkeit einer kritischen und hörbaren Antisemitismusforschung nach der Zäsur des 7. Oktober.
Topics: Antisemitism, Antisemitism: Attitude Surveys, Antisemitism: Christian, Antisemitism: Definitions, Antisemitism: Discourse, Antisemitism: Education against, Antisemitism: Far right, Antisemitism: Left-Wing, Antisemitism: Monitoring, Antisemitism: Muslim, Antisemitism: New Antisemitism, Antisemitism: Online, Internet, Jewish Perceptions of Antisemitism, Attitudes to Jews, Anti-Zionism, Israel Criticism, Main Topic: Antisemitism, Methodology, Social Media
Abstract: This open access book is the first comprehensive guide to identifying antisemitism online today, in both its explicit and implicit (or coded) forms. Developed through years of on-the-ground analysis of over 100,000 authentic comments posted by social media users in the UK, France, Germany and beyond, the book introduces and explains the central historical, conceptual and linguistic-semiotic elements of 46 antisemitic concepts, stereotypes and speech acts. The guide was assembled by researchers working on the Decoding Antisemitism project at the Centre for Research on Antisemitism at Technische Universität Berlin, building on existing basic definitions of antisemitism, and drawing on expertise in various fields. Using authentic examples taken from social media over the past four years, it sets out a pioneering step-by-step approach to identifying and categorising antisemitic content, providing guidance on how to recognise a statement as antisemitic or not. This book will be an invaluable tool through which researchers, students, practitioners and social media moderators can learn to recognise contemporary antisemitism online – and the structural aspects of hate speech more generally – in all its breadth and diversity.