Abstract: Im Jahr 2021 stellten eine Reihe von Wissenschaftler_innen die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ (JDA) vor, eine Antisemitismus-Definition, die den Anspruch hat, die Arbeitsdefinition der International Holocaust Rembrance Alliance (IHRA) zu ersetzen. Das Working Paper unterzieht die politische Rahmung, die Kerndefinition und die 15 Leitlinien der JDA einer genauen Untersuchung. Es wird gefragt, ob die JDA Antisemitismus in einer Form beschreibt, der es staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur_innen erlaubt, mit ihr Antisemitismus zu erkennen. Die genaue Lektüre zeigt, dass die JDA zentral geprägt ist von Leerstellen und Widersprüchen, die eine konfliktlose Anwendung nicht erlauben. Die Leerstellen und Widersprüche – u.a. ein unklarer Umgang mit Kontexten zur Einschätzung antisemitischer Aussagen o.ä., die Abgrenzung von Antisemitismus und Kritik an israelischer Politik oder
eine unklare Einordnung der Gleichsetzung Israels mit NS-Deutschland – stehen dabei zum Teil mit der politischen Rahmung der JDA in einem Verhältnis.
Abstract: Der Beitrag untersucht, inwiefern die Betrachtung von institutionellem Antisemitismus und von Antisemitismus in Institutionen hilfreich ist, um aktuelle antisemitische Dynamiken angemessen zu beschreiben. Er liefert konkrete
empirische Befunde dazu, wie Betroffene Antisemitismus in (ausgewählten) Institutionen erleben: Ausgehend von Interviews und zivilgesellschaftlich dokumentierten Vorfällen wird gezeigt, wie wirkmächtig entsprechende
antisemitische Erfahrungen für die Betroffenen sind. Auf der Grundlage des Forschungsstands und einer Begriffsbestimmung, die zwischen institutionellem Antisemitismus und Antisemitismus in Institutionen unterscheidet, wird die Bedeutung von Institutionen für antisemitische Dynamiken herausgestellt; dafür wird das Konzept der Gelegenheitsstrukturen erläutert und genutzt. Schilderungen aus qualitativen Interviews mit Jüdinnen_Juden verdeutlichen und konkretisieren, wie Betroffene Antisemitismus in Institutionen erleben und welche Rolle institutionelle Routinen, Regeln und Normen spielen. Der Beitrag argumentiert, dass der Blick darauf einen wichtigen Beitrag leistet, um gegenwärtigen Antisemitismus zu verstehen.