Abstract: Wenn eine KI-generierte Anne Frank im Feed auftaucht, DJs in der Gaskammer auflegen, die AfD Tipps zur Ahnenforschung gibt und Israel zur neuen Chiffre des Bösen wird: Geschichtsbilder von jungen Menschen werden heute maßgeblich im Netz, durch Videospiele und digitale Anwendungen geprägt. Doch die Gefahren werden bislang noch viel zu wenig beleuchtet – und die Potenziale und Chancen, die sich durch digitale Geschichtsvermittlung ergeben, sind noch längst nicht voll ausgeschöpft.
In unserem Report „Der Holocaust als Meme“ stellen wir einige Beispiele geschichtsrevisionistischer Inhalte in digitalen Medien vor, die in unseren Augen eine breitere Öffentlichkeit brauchen – sei es, weil sie besonders große Reichweiten erzielen, besonders subtilen Strategien folgen oder zu schon bedenklich normalisierten Formen alternativhistorischer Erzählungen gehören. Die aufgeführten Beispiele und Analysen dienen dazu, zentrale Beobachtungen, wiederkehrende Muster und exemplarische Phänomene im Umgang mit Geschichte in digitalen Räumen zu veranschaulichen.
Ein besonderer Fokus liegt auf den Plattformen Instagram und TikTok, da sie zu den reichweitenstärksten und einflussreichsten Social-Media-Kanälen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zählen. Neben sozialen Medien beziehen wir uns auch auf digitale Spiele mit historischem Setting.
Abstract: Der 7. Oktober 2023, der brutale Terrorangriff der Hamas auf Israel mit rund 1200 Ermordeten und hunderten Verschleppten und der anschließende Krieg in Gaza markieren auch hierzulande eine Zäsur. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober und des kurz darauf beginnenden
und zum Veröffentlichungszeitpunkt dieser Publikation noch laufenden Krieges in Gaza, erreichte die Bildungsstätte Anne Frank eine Flut an Anfragen. Insbesondere Lehrkräfte und andere an Schule beschäftigte Fachkräfte meldeten sich mit der Bitte nach Beratung und Fortbildung zum Umgang mit Terror, Krieg und den sich daran entzündenden Folgen hierzulande.
Unser Team reagierte schnell mit einer Vielzahl ad hoc durchgeführter digitaler Gesprächsangebote, mit Fortbildungen vor Ort, mit Veranstaltungen, Publikationen und Materialien. Den ersten Jahrestag des
7. Oktobers 2023 nahmen wir zum Anlass, die aktuellen Bedarfe an Schulen systematisch zu erfassen – eine Lücke, die wir mit einer Online-Umfrage unter Lehrkräften schließen. Ziel war es zu erfassen, ob und in welcher Weise der 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg ein Jahr später noch Thema in den Schulen sind, wie die Lehrkräfte damit umgehen und welche Unterstützung sie sich dabei wünschen.
Zwischen dem 09.09.24 und 23.09.24 haben sich 159 Lehrkräfte aller Schulformen, vor allem aus Gymnasien, Berufs- und Gesamtschulen und mit 98 Prozent überwiegend aus Hessen, an der Umfrage beteiligt. Ihnen und ihren aussagekräftigen Antworten, die wir auf den folgenden Seiten präsentieren, gilt unser ausdrücklicher
Dank. Ihre Antworten zeigen, dass dem Thema große Wichtigkeit beigemessen wird und einzelne Lehrkräfte im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, den sogenannten Nahostkonflikt zu thematisieren – dass strukturelle Zwänge, insbesondere mangelnde zeitliche Kapazitäten, einen angemessenen Umgang mit der Thematik
aber erschweren.
Die Umfrage bestätigt uns in unserer Forderung nach einer Bildungsoffensive, die Schulen in all ihrer Heterogenität dazu befähigt und sie mit den entsprechenden zeitlichen und materiellen Ressourcen ausstattet, den Nahostkonflikt und andere komplexe globale Konflikte unserer Zeit, deren Geschichte und gesellschaftspolitische Dimensionen besser verstehen und einordnen zu können.
Ziel muss es sein, dass Lehrkräfte sprechfähig sind zu den Themen, die ihre Schüler*innen und uns als Gesellschaft bewegen – und entsprechend der vielfältigen Identitäten und Positionen im Raum Schule sind Perspektivwechsel dafür unumgänglich. Insbesondere müssen dabei auch der digitale Raum und dessen besondere Dynamiken1
mit adressiert werden – die Umfrageergebnisse zeigen überdeutlich, dass es an Strategien des Umgangs mit den Sozialen Medien mangelt, hier bedarf es einer konsequenten Verzahnung medienpädagogischer Angebote mit Inhalten der politischen Bildung.
Abstract: Der Anschlag von Hanau, die Mbembe-Debatte wie auch die immer wiederkehrenden, meist hitzigen Diskussionen um den Nahost-Konflikt machen eines klar: Wir brauchen dringend eine fundierte Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Antisemitismus und (anti-muslimischem) Rassismus. In der Öffentlichkeit ist die Frage, ob und wie diese beiden Phänomene miteinander verglichen werden dürfen, enorm umstritten, was eine sachliche und wissenschaftliche Beschäftigung lange erschwert hat.
Sabine Schiffer und Constantin Wagner schaffen durch ihre Forschungsergebnisse eine Grundlage für eine neue, aufgeschlossene Diskussion und zeigen an aktuellen wie auch historischen Beispielen, dass Antisemitismus und Islamophobie über entscheidende Gemeinsamkeiten verfügen, die zu erkennen die Voraussetzung für ihre Bekämpfung ist. Ein wichtiges Debattenbuch, das offen und mutig eine der drängendsten Fragen unserer Zeit in den Blick nimmt und aufzeigt, wie wir mit diesen Erkenntnissen den gesellschaftlichen Konflikten vor allem im Sinne der unmittelbar Betroffenen besser begegnen können.
Abstract: Dem Staat Israel kommt in Deutschland regelmäßig eine im internationalen Vergleich große Aufmerksamkeit zu. Fast immer geht es hierbei um dessen Rolle im Nahostkonflikt, also in den jahrzehntelang bestehenden politischen Auseinandersetzungen mit den palästinensischen Akteur*innen, arabischen sowie weiteren Staaten der Region (wie etwa dem Iran). Diese Aufmerksamkeit verläuft konjunkturell und folgt dem Verlauf von Eskalationsphasen des Nahostkonflikts. In den letzten Jahre wurde der (mögliche) antisemitische Gehalt "israelkritischer" Positionen zunehmend diskutiert: "Debatten um Fragen des aktuellen Antisemitismus sind immer öfter zugleich Debatten um Wahrnehmungen Israels und des Nahostkonflikts" (Niehoff 2021, 73). Beide Themen werden häufig und zunehmend miteinander assoziiert. Gleichzeitig sind Unklarheiten und Unsicherheiten weit verbreitet, welche Positionierungen gegenüber dem Staat Israel, der sich als Nationalstaat des jüdischen Volkes versteht, als antisemitisch zu bewerten sind (und, so die Konsequenz, moralisch geächtet werden sollten) und welche Haltungen demgegenüber als "kritische" 1 einzustufen sind (und als solche legitimer Teil der kontroversen politischen Auseinandersetzung seien). Zu einer entsprechenden Sensibilisierung haben insbesondere Studien und Berichte mit dem Fokus auf Perspektiven von Betroffenen von Antisemitismus (Zick u.a. 2017a; Bernstein 2020; Chernivsky u.a. 2020) sowie die professionelle zivilgesellschaftliche Arbeit etwa von Monitoringstellen antisemitischer Vorfälle (Bundesverband RIAS/Internationales Institut für Bildung, Sozial-und Antisemitismusforschung 2021) beigetragen. Auch wissenschaftliche Forschung widmet sich verstärkt der Problematik. Deutlich sichtbar wurde diese insbesondere im Mai 2021, als anlässlich von militärischen Auseinandersetzung zwischen der palästinensischen Hamas und der israelischen Armee antiisraelische Demonstrationen in Deutschland stattfanden, in deren Kontext (vermeintliche) jüdische Personen, Synagogen sowie der Staat Israel bedroht und attackiert wurden (vgl. ebd., 14, 51-65). 1 Irritationen entstehen regelmäßig u.a. deswegen, da völlig unterschiedliche Nutzungen von "kritisch" in diesem Zusammenhang existieren (vgl. z.B. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013, 194-209). Die Bandbreite reicht von Begriffsverständnissen, die alle nicht-antisemitischen negativen Positionierungen unter "kritisch" subsummieren, andere Verständnisse grenzen den "kritischen" Bereich eng(er) ein.
Abstract: As a consequence of the Holocaust, Israel’s security is officially regarded as part of Germany’s
“reason of state”. Yet the criteria for a responsible relationship between Germany and Israel are by
no means self-evident or without logical or practical contradictions. One of the complications is
the Israeli-Palestinian conflict. In order to better understand this complication, I examine two
familiar national narratives, one from each side, about possible connections between the Nazi era,
the Holocaust, and this conflict. I also put the Israeli-Palestinian conflict in a broader historical
context. It turns out that the examined relationships are not as obvious as the familiar narratives
describe them. The origins of the Israeli-Palestinian conflict are older than the Nazi era and the
Holocaust, and they also point to broader European responsibilities more generally, to Europe’s
nationalism, anti-Semitism, colonialism and imperialism – with irresponsibilities towards both
Jews and Arabs. In no way does such a comprehensive perspective affect Germany’s special historical responsibilities resulting from the Holocaust. But it puts the Israeli-Palestinian conflict in a
more complete and also more honest framework, with consequences for Germany’s moral and
political position
Abstract: In den meisten islamischen Ländern fanden - anders als in Europa - keine gezielten Ermordungen von Jüdinnen und Juden oder Deportationen in Todeslager statt. Dieser Band geht der Frage nach, wie Musliminnen und Muslime als scheinbar "Unbeteiligte" zum Holocaust stehen. Behandelt werden unter anderem die Teilnahme von Muslimen am Holocaustgedenken, die Wahrnehmung der Schoah im arabischen und türkischen Raum sowie unter muslimischen Jugendlichen und die wachsende Verwendung antisemitischer Parolen.
Die Einstellungen von Muslimen zum Holocaust reichen von Mitgefühl und Anteilnahme über Gleichgültigkeit und die Frage "Was hat das mit uns zu tun?" bis zu Verharmlosung oder List es, so das Fazit, in der schulischen und außerschulischen Bildung umfassend über die Geschichte aufzuklären und dabei Perspektiven von Migrantinnen und Migranten stärker zu berücksichtigen.
Mit Beiträgen von Joëlle Allouche-Benayoun, Rifat Bali, Georges Bensoussan, Mehmet Can, Monique Eckmann, Remco Ensel, Evelien Gans, Karoline Georg, Ruth Hatlapa, Günther Jikeli, Philip Spencer, Kim Robin Stoller, Annemarike Stremmelaar, Sara Valentina di Palma, Esther Webman, Juliane Wetzel und Michael Whine
Abstract: „Antisemitismus ist an deutschen Schulen Normalität.“ Zu diesem Ergebnis kommt die im Dezember 2018 veröffentlichte Studie „‚Mach mal keine Judenaktion!‘ Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus“ von Prof. Dr. Julia Bernstein unter Mitarbeit von Florian Diddens, Ricarda Theiss und Nathalie Friedlender.
Für die Studie wurden 227 Interviews an 171 Schulen mit jüdischen Schülerinnen und Schülern, deren Eltern, mit jüdischen und nichtjüdischen Lehrkräften sowie mit Fachleuten aus der Sozialarbeit und aus Bildungsorganisationen durchgeführt. Die Befunde von Prof. Dr. Bernstein zeigen, dass antisemitische Äußerungen und Handlungen an Schulen normal sind und häufig nicht erkannt werden. Jüdische Kinder und Jugendliche erleben subtile Anmerkungen, diffuse Ablehnung, offenen Hass und Gewalt. Die offene Selbstpräsentation als Jüdin_Jude in der Schule wird aufgrund der Gefahr von antisemitischen Angriffen weitgehend vermieden. Die Perspektive der jüdischen Lehrer_innen zeigt, dass sie als offen auftretende religiöse Jüdinnen_Juden sowohl von der Schulleitung und im Kollegium als auch von Schüler_innen Benachteiligungen, teils sogar Anfeindungen erfahren.
Es ist die erste empirische Studie zu Antisemitismus im schulischen Bereich, die die Perspektiven von Jüdinnen und Juden in den Vordergrund stellt. Die Studie schlüsselt die Erlebnisberichte aus drei Perspektiven auf: die der jüdischen Schüler/-innen, die der nicht-jüdischen Lehrkräfte und die der jüdischen Lehrkräfte.
Abstract: Im Zentrum des Dissertationsprojektes steht die empirisch verankerte Erarbeitung einer intersektionellen, feministischen Theorie von Liebe und Liebesbeziehungen als Orte des Doing Gender in Verschränkung mit Doing Being Jewish (Jüdischsein) bzw. mit Doing Being German (Deutschsein). Was Jüdischsein und Deutschsein bedeutet und wie es konzeptualisiert werden kann, soll durch die Erhebung narrativer Interview empirisch rekonstruiert werden.
Die Dissertation hat zwei Ausgangspunkte. Der erste ist, sich Liebe als eigenständigem Forschungsgegenstand feministischer Analyse zuzuwenden. In Liebesbeziehungen – als verkörperlichte Erfahrungen von Liebe und Begehren, Macht und Dominanz – werden Geschlechterverhältnisse und andere Ungleichverhältnisse und damit zusammenhängend vergeschlechtlichte Arbeitsteilungen von care work und emotional work (re)produziert, verändert, aufgehoben oder legitimiert. Der zweite Ausgangspunkt ist die Feststellung von Kurt Grünberg in seiner Studie „Liebe nach Auschwitz“ (2000), dass Liebesbeziehungen den wohl intimsten Kontakt zwischen Nachkommen von Überlebenden der Shoah und Nachkommen von Täter*innen, Mitläufer*innen und Nazi-Sympathisant*innen im Land der Täter*innen und Opfer bilden. Vor dem Hintergrund der Shoah und der Nürnberger Gesetze von 1935, welche das sogenannte „Blutschutzgesetz“ und das Verbot von Eheschließungen und Geschlechtsverkehr zwischen Juden/Jüdinnen* und Nicht-Juden/Jüdinnen* umfassten, ist zu fragen, welche Gefühlserbschaften und Erinnerungen (active memory) an die Folgegenerationen weitergegeben werden und wie intime Beziehungen und Liebesbeziehungen davon (nicht) beeinflusst werden. Die beiden Ausgangspunkte sollen miteinander verknüpft werden, um eine kritische, intersektionelle feministische Analyseperspektive in Bezug auf Liebesbeziehungen als auch auf die komplexen Differenz- und Identitätskonstruktionen von Jüdischsein und Deutschsein einzunehmen.
Außerdem sollen forschungsethische Überlegungen in Hinblick auf Theoriebildungsprozesse, Methodenentwicklung und Ergebnisdarstellung im Kontext der „negativen deutsch-jüdischen Symbiose“ (Diner 1986) einerseits und einer feministischen Epistemologie des „situierten Wissens“ (Haraway 1988) andererseits entwickelt werden, da die individuelle, familiäre und soziale Verstrickung mit dem Nationalsozialismus keine Position der Unbeteiligtheit zulässt und eine reflektierte und selbstkritische Positionierung von mir als Forscherin verlangt.
Abstract: This paper will investigate the construction and ongoing renegotiation of Jewish identity in the Irish context from the late nineteenth century to the present day, considering how some of the key elements that have shaped modern Irish identity have impacted on the consciousness of Ireland’s tiny Jewish minority.
Jewish immigration to Ireland, which peaked between 1890 and 1905, coincided with the crystallisation of an Irish identity with a strong foundation in the beliefs and values of Roman Catholicism. Consequently, the emerging discourses of Irish nationalism, in particular the struggle for independence and the complex Irish relationship with Britain, have had a major influence on the formation of a specific Irish-Jewish identity. The impact of Irish nationalism, sectarianism and anti-Jewish prejudice in a still-evolving Irish society will be explored in terms of Jewish perception and identity formation on both the individual and the collective levels. After a brief introduction, I will outline my findings on the Jewish relationship with Irish nationalism, before exploring the way in which Irish-Jewish identity has tended to be presented to the wider world. Issues to be considered will include the significance of variations in nuance between different representations of Irish-Jewish identity and belonging; the role of communal narrative in shaping the consciousness of the individual; and the question of why, in the post-modern era, it should be necessary to keep searching for, re-/presenting and justifying the identity of a minority within a minority to the world at large. Throughout, the focus will remain on the need for a fresh approach to the sources and the issues at hand, in order to create a more holistic, objective and inclusive history of the Jewish experience in Ireland.